Get Adobe Flash player

Was es nicht alles gibt – Agma, ein Traum


Ich darf ein Pferd des Berolina-Gestüts über 41 Km Distanzritt Herbstlaub reiten. Der Paddock ist fertig aufgebaut, Wasser steht im kniehohen Gras bereit. In den letzen Minuten Wartezeit wird mir erst bewusst, was ich da vor mir habe: Ich soll ein völlig fremdes Vollblut in freiem Gelände reiten, ohne Vorbereitung, Netz und doppelten Boden! Dabei bin ich eher vorsichtig, was fremde Pferde angeht und sofortige Zuneigung – geschweige denn Liebe auf den ersten Blick – kenne ich nicht, dazu bin ich zu „vernünftig“.

Agma wird abgeladen und zeigt sich als gelassene Schönheit, geht sofort mit mir mit und gibt sich bei der Voruntersuchung fast wie ein Routinier. Der Paddock gefällt ihr, sie freut sich, andere Pferden und die Voruntersuchung angucken zu können.

Start am nächsten Morgen. Das Vertrauen wächst ständig auf beiden Seiten. Sie lässt sich völlig gelassen satteln und die Pulsuhr anlegen. Wir gehen 15 Minuten im Schritt spazieren, dann führe ich sie an eine Bank zum Aufsitzen. Das kennt sie nicht, macht es aber anstandslos. Ich kann es kaum glauben, ein so unkompliziertes Pferd zu reiten. Im Schritt freunden wir uns noch weitere 10 Minuten an und überqueren die Startlinie auch im Schritt. Einen Youngster reite ich noch nicht mit Tempo los.  

Sie hat aber die anderen lossprinten sehen und möchte auch. Doch sie lässt sich  mühelos beruhigen. Die Eisenbahnbrücke beäugt sie, vertraut mir aber schon. Im Feld geht es gleich im sanften Galopp los. Ich würde ihn gern noch über viele Kilometer genießen, aber das geht wohl erst in ein paar Jahren, also reguliere ich vorsichtig auf Trab. Die Barfüße mögen den Schotter noch nicht, auch das dauert Jahre. Aber auf den krummen Graswegen ist Agma völlig sicher und ausbalanciert.

Der Puls pendelt sich auf 135 – 140 bpm ein, kein schlechter Wert für einen ersten Ritt. Kilometer um Kilometer erarbeiten wir die schöne Strecke. Die Eisenbahnschienen sind gar kein Problem, die Autobahnbrücken sind schon „komisch“. Rechts und links wischen immer die kleinen und großen, lauten Autos raus. Obwohl Agma noch nie so etwas gesehen hat, kann ich oben bleiben und langsam weiter reiten. Im Pulsstopp leicht mit Wasser erfrischt zeigt die Uhr 64 bpm, wir dürfen sofort weiter. Wieder bleibt sie beim Aufsitzen artig stehen.

Wenige Kilometer bis zur Pause sind ein kleiner „toter Punkt“. In der Pause sind die Pulswerte wieder gut,  sie trabt wieder langsam und gleichmäßig vor und darf dann unter einer leichten Decke in der Sonne bei Heucobs ausruhen. Zum Aufsitzen suche ich mir eine dicke Beeteinfassung – wieder kein Problem, Agma ist klug und weiß wohl, dass es für sie angenehmer ist.

Die letzten 17 Kilometer läuft mein Hund mit, denn wir reiten sehr ruhig. Den mag sie aber nicht so, gewöhnt sich aber schnell daran, dass es gar nicht so schlecht ist, einen anderen an „gefährlichen“ Dingen vorlaufen zu lassen.

Vor dem nächsten Pulsstopp sitze ich ab und führe. Der Puls ist wieder auf 64 bpm, das ist prima. Und sie säuft etliche Liter Wasser aus allen Eimern, immer neugierig, ob es woanders besser schmeckt. Besser kann es gar nicht laufen. Noch 9 Kilometer, dann haben wir es geschafft. Kurz vor dem Ziel donnert ein ICE direkt neben unserem Weg vorbei. Agma drückt sich an den Rand, bleibt stehen, guckt ängstlich, läuft dann entspannt weiter. Die Ziellinie erreicht sie mit 72 bpm, wird sofort abgesattelt und abgewaschen. Dann wälzt sie sich hemmungslos mit der guten Decke einmal links und einmal rechts im hohen Gras. Die zweite Pulsmessung ergibt 56 bpm, das zeigt, dass sie sich nicht überanstrengt hat. Ich bin ja so erleichtert! Denn Agma ist reichlich müde und hat für meinen Geschmack viel zu wenig Hunger. Vom Mash nascht sie nur wenig, aber der Wassereimer leert sich und das Gras mundet dann doch. Wenn ich mir sie so ansehe, wie sie da in der warmen Herbstsonne ihr schönes Fell schimmern lässt, fällt auf, dass sie garnicht schlanker geworden ist. Ein Pferd, das auf seinem ersten Ritt  nicht an Substanz verliert, ist viel wert! Ich gucke mir die zarten Beine und Hufe an: wie neu! Da sind diese noch empfindlichen Hufe nicht mal abgelaufen geschweige denn schief! Es gibt’s nichts Wichtigeres für ein Distanzpferd.

In der Nachuntersuchung ist Agma wieder aufmerksam – oder ist das eine Folge der (Ohren-)Massage? Es machte Spaß, dieses schöne Pferd einmal weich durchzukneten und es dabei leise schmatzen zu hören. Der Puls ist noch 4 Schläge niedriger als bei der Voruntersuchung. Auch der Rücken ist völlig in Ordnung, die restlichen Parameter sind Bestnoten. Ich habe also alles richtig gemacht. Na, ob hier ein zukünftiges Best-Condition-Pferd steht?


Fazit dieses Rittes:
Es gibt auch für mich ein Pferd, in das man sich auf Anhieb verlieben kann. Agma ist ein absolut vielversprechendes Distanzpferd, das sicher auch im Trec oder Viereck eine gute Figur abgibt. Agma ist für einen Reiter, der mit seinem Pferd die Sterne erreichen will, wirklich das Himmelspferd, als das Achal Tekkiner beschrieben werden. Ich würde ihr noch den Zusatz „Nougat“ geben. Ihr „Anfassgefühl“ von Muskeln und Fell ist wie Nougat auf der Zunge. Ich hoffe, Agma und ich können irgendwann noch ein paar Wertungskilometer aufstocken. Es gibt noch viel zu erleben.

Geschrieben von Christiane Schiele