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Wie Mirza und ich uns gefunden haben


Jedes kleine Mädchen träumt von einem eigenen Pferd – so auch ich: Mit neun habe ich ganz aufgeregt den Krämer Katalog durchblättert und einen Sattel, eine Trense, eine Bürste und eben alles was man so für ein eigenes Pferd braucht ausgesucht und gedanklich „gekauft“. So wie sich ein begeisterter Segler ständig die schönsten, unbezahlbarsten Yachten „kauft“, so habe auch ich ständig Pferde „gekauft“. Nebenbei habe ich mir ein Buch mit allen Pferderassen zugelegt und fasziniert darin herumgeblättert. Letztendlich klebte in meiner doch eher ungewöhnlichen Abendlektüre nur ein einziges pinkes post-it auf Seite 34, der Seite der Achal Tekkiner. Im ganzen Buch ist mir allein dieser Vollblüter, von dem ich noch nie zuvor etwas gehört hatte, sofort aufgefallen. Die dort beschriebenen Eigenschaften gab es einfach bei keiner anderen Rasse: Fein und leichtfüßig aber temperamentvoll und unglaublich belastbar, kombiniert mit einer dicken Portion Neugierde und Intelligenz. Hinzu kommt das wunderbar glänzende Fell mit welchem Fellglanzsprayverkäufer um ihren Job fürchten müssen…

Acht Jahre später, ich war auf der Suche nach einer neuen Reitbeteiligung, habe ich durch eine gute Bekannte eine große, etwas ältere Schimmelstute in unserem Ort kennenlernen dürfen; die Besitzerin war sehr nett und wir haben uns zu einem Probereiten verabredet. Anschließend hat mich meine Bekannte mit zu ihren zwei Pferden etwas weiter außerhalb genommen. Ich kann mich noch genau daran erinnern wie ich aus dem Auto gekrabbelt bin und auf der Koppel gegenüber zum ersten Mal in meinem Leben Achal Tekkiner erblickte. Ich wusste sofort welche Rasse es war – so sicher wie man ein Islandpony unter tausend anderen Ponys erkennen würde. Eigentlich stand ich die ganze Zeit nur da und schaute zu wie die Nachmittagssonne die vier zum Leuchten brachte.

Ganz aufgeregt bin ich am frühen Abend nochmal zu der Koppel gelaufen. Der Palomino mit den langen Wimpern (auf die ich bis jetzt noch furchtbar neidisch bin) schaute mich mit großen Augen an. Einen Augenblick später wusste ich auch warum: Es hatte sich ein dorniger Ast in seinem Schweif verfangen und immer wenn er versuchte Fliegen abzuwehren zuckte er leicht von den piksenden Dornen. Nach kurzem Zögern habe ich mich dann doch unter dem Zaun hindurchgeschoben und bin vorsichtig auf ihn zugelaufen. Sofort spitzte er die Ohren und verfolgte aufmerksam jede Bewegung. Das Stock-aus-dem-Schweif-Zupfen ließ er ruhig über sich ergehen; er wusste ganz genau was ich vorhatte. Die übrigen drei hatten sich zwischenzeitlich alle um mich versammelt und beäugten kritisch was ich da tat. In diesem Moment, von diesen wunderbaren Pferden umringt, war ich einfach überglücklich.

Noch am gleichen Abend verfasste ich einen Brief, den ich an die Koppel für die Besitzer hängen wollte – ich wusste ja nicht einmal wer diese waren – und radelte los. An der Weide angekommen waren alle vier verschwunden, nur ein weißer Lieferwagen parkte daneben. Total aufgeregt und völlig außer Atem stammelte ich dem Mann im Wagen entgegen. Es stellte sich heraus, dass er der Besitzer von meinem lieben Palomino war und er erklärte mir den Weg zur neuen Wiese wo seine Frau schon auf uns wartete.  Sie lächelte mich total freundlich an, während sie dem einen Kollegen behutsam über die Nase strich. Schon nach ein paar gewechselten Worten merkte ich, dass ich gefunden was ich gesucht hatte. Als sie dann auch noch zu mir sagte „Ich bin mir sicher unser kleiner Heller würde sich riesig freuen, wenn du dich mit um ihn kümmern würdest“ habe ich mich dann endgültig in ein strahlendes Honigkuchenpferd verwandelt und da kam er auch schon um die Ecke gestiefelt um sich eine Möhre bei uns abzuholen.


So kam es, dass ich zunächst anfing ihn zu besuchen, um ihn einfach nur lieb zu streicheln, damit er Vertrauen in mich fassen konnte. Zwei Wochen später begann ich ihn aufzuhalftern und auf der Koppel herumzuführen. Sobald er aber außer Blickkontakt mit der Herde war, wurde er plötzlich ziemlich nervös und ich merkte wie ihm der Schutz seiner Kameraden fehlte – obwohl wir uns auf ein und derselben Koppel befanden. Er fing an herumzutänzeln und sobald ich ihm das Halfter ausgezogen hatte war er auf und davon. Die nächsten Male kam er auch nicht mehr angeflitzt als er mich sah.

Letztendlich Mut zugesprochen hat mir dann ein Zitat von Alfonso Aguilar „Es ist immer das Pferd, das uns sagt, wann es für den nächsten Schritt bereit ist.“– in diesem Moment hat er mir einfach gezeigt, dass er noch Zeit braucht, um mich besser kennenzulernen. Also stand ich weiter täglich auf der Matte und habe mir Übungen überlegt bei denen wir zusammen bei seiner Herde bleiben konnten. Mit der Zeit hat er Freude daran gefunden und immer mehr Fortschritte gemacht. Nach nahezu täglicher Arbeit haben wir uns dann zum ersten Mal stressfrei von der Herde entfernen können. Ich bin erstaunt was man doch so alles mit einem Pferd auf der Weide machen kann: Ich habe Bälle mitgenommen, Planen in die Bäume gehängt und Leckerlis in einen alten Teppich eingerollt… All das hat uns sehr geholfen, sodass wir uns außerhalb der Koppel nach und nach steigern und auch schnell größere Spaziergänge wagen konnten.
Nach einiger Zeit bin ich total aufgeregt erstmalig in den Sattel gestiegen. Ich weiß noch genau wie sich unser erster Galopp angefühlt hat: Ich dachte ich fliege, so leichtfüßig ist der Galopp; man bemerkt praktisch gar keine harte Absprungphase. Ich hatte davor nur von den angeblich weichen Gängen der Achal Tekkiner gehört, aber dass es so toll ist habe ich wirklich nicht erwartet! :D
Ich muss immer grinsen wenn er absichtlich nur auf das hört was er in diesem Moment gerne machen würde. Beim longieren beispielsweise trabt er sofort an wenn ich einen tiefen Atemzug nehme und mich aufrecht hinstelle – vorausgesetzt er möchte sich grade dringend bewegen. Hat er einen eher trödeligen Tag, braucht es schon ein energisches Schnalzen um ihn zum Antraben zu motivieren. Dass er einfach in der Lage ist feinste Körpersprache zu verstehen und umzusetzen; ich muss sagen das fasziniert mich jedes Mal. Manchmal spielen wir in seinem Paddock ein kleines Spiel: Ich nenne es ‘Einparken‘ (was Kreativeres ist mir leider noch nicht eingefallen). Die Aufgabe ist es, ohne Berühren von einem beliebigen Standort aus ihn Rückwärts in den Stall oder aus der Tür heraus zu bugsieren. Ich glaube ich muss mir sehr bald etwas Neues überlegen; mittlerweile hat er verstanden was zu tun ist und macht es fast von selbst. Aber genau das liebe ich so sehr an meinem kleinen Prinzen – er durchschaut alles sofort: Tricks wie „schau mal da habe ich das Futter für dich komm schön her und lauf da rein“ funktionieren bei ihm einfach nicht :D! Da hilft nur „komm her, mein Lieber, zusammen können wir das doch schaffen“.
Ein Pferd spiegelt immer das Verhalten wider, welches man ihm entgegenbringt. Alle Liebe, Vertrauen und Respekt den man einem Pferd zeigt wird es immer dankend erwidern – das hat er mir gezeigt und ich werde ihm für diese Lehre ewig dankbar sein.

Mein Bub & Ich